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"Vorwärtsdenker"

Kurz vor der Jahrtausendwende begann ich als Diakon bei einem traditionsreichen diakonischen Träger – und startete in eine herausfordernd intensive, ab und zu anstrengende, immer erlebnisreiche und schöne Zeit.

Aber der Reihe nach:

Mein Name ist Richard Pilhofer. Nach einer handwerklichen Lehre und Zivildienst festigte sich bei mir der Wunsch eine weitere Ausbildung zu absolvieren – es sollte rückblickend nicht die letzte sein. So ging ich nach Rummelsberg um Diakon zu werden. Schnell war mir klar: als Diakon möchte ich in der Diakonie und hier im Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe tätig werden. Und so kam es dann auch.

Meine erste Stelle führte mich in eine Wohngruppe für verhaltensauffällige Mädchen und Jungen im Schulalter. Da hieß es gedanklich und zeitlich flexibel zu sein. Einerseits in der Zusammenarbeit im Team, da galt es die vielen Talente und Fähigkeiten unter einen Hut zu bekommen und andererseits bei den Dienstzeiten. Durch die Arbeitszeiten in den Morgen- bis Abendstunden und Nachtbereitschaften verbrachte ich viel Zeit in der Wohngruppe und war somit am „Puls der Zeit“. Gerne denke ich an die Gespräche mit den Kindern, Eltern und KollegInnen zurück. Wir berieten, diskutierten, planten und handelten miteinander, um die Besten Zukunftsperspektiven für die Familien zu erreichen.

Mein weiterer beruflicher Weg führte mich nach diesem abwechslungsreichen Aufgabengebiet in die Ambulante Jugendhilfe. Bei einem klar strukturierten Arbeitstag stand hier vor allem der persönliche Kontakt zu und bei den Familien im Vordergrund. Bei spontan auftauchenden Schwierigkeiten suchten wir miteinander nach der sinnvollsten Lösung. Sehr bereichernd war für mich die Arbeit mit Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, welche ich bei Ämtergängen, schulische Belangen und hin zur selbstständigen Lebensführung unterstützte. Ich schätzte es sehr von anderen kulturellen und religiösen Hintergründen zu erfahren und meine eigenen Überzeugungen und Erlebnisse einzubringen.

Mittlerweile habe ich Studien in den Bereichen Diakoniewissenschaft, Nachhaltigkeit und Erwachsenenbildung absolviert, um mich zukünftigen Aufgaben in Kirche und Diakonie qualifiziert zu stellen. „Wofür ist eigentlich die Zukunft da?“ – diese philosophisch anmutende Frage von einem siebenjährigen Kind aus meiner Zeit in der Jugendhilfe klingt bis heute in meinem Ohr nach und Vorwärtsdenken ist eine Antwort darauf.

"Dranbleiber"

Hallo Reinhard, Du gehörst zu der älteren Generation unserer Brüderschaft, wie alt bist Du eigentlich bereits, wie ist dein voller Name und welches waren Deine Arbeitsfelder?

Ja, mein Familienname ist Ratsch, ich bin am 23.02.1933 in Schlesien geboren und meine Arbeitsfelder als Diakon waren sieben Jahre Jugenddiakon in Nürnberg, anschließend habe ich in Altdorf die Arbeit mit körperlich behinderten Jugendlichen 1 1/2 Jahre kennen gelernt; bevor ich im Berufsbildungswerk Rummelsberg 20 1/2 Jahre als pädagogischer Bereichsleiter – bis zu meinem Ruhestand – tätig war.

Mir fällt auf, das Du nur 29 Jahre als Rummelsberger gearbeitet hast. Wodurch kamst Du dann im höheren Alter zur Diakonie?

Als Maler habe ich fünf Jahre überwiegend auf Großbaustellen bei „Alliierten“ aus zwei Koffern in Süddeutschland gelebt. Dabei lernte ich viel Elend kennen. Anschließend kam ich in Bamberg zur Evangelischen Arbeiterjugend – später Industriejugend (obwohl ich bereits 25 Jahre alt war). Dadurch stellte ich fest, dass ich bereits in jungen Jahren Hilfestellungen für Bedürftige gab. So wuchs in mir der Gedanke, dass ich ja diese Hilfestellung für Bedürftige zu meinem Beruf machen kann, und so kam es dann auch durch die Ausbildung zum Diakon.

Heute, mit über 80 Jahren, nennst Du Dich immer noch Diakon und lebst in Rummelsberg.

Einmal Diakon, immer Diakon; ich kann und möchte diesen Titel nicht ablegen. Ich habe mich mit vollem Herzen und aus meiner Glaubensüberzeugung dafür entschieden und würde mich und meinen Glauben verleugnen. Um dies zu verwirklichen hilft mir auch unsere brüderschaftliche Rummmelsberger Gemeinschaft, die mir in vielen Lebenslagen sehr wertvoll ist. Deshalb wohne ich mit meiner Frau auch heute noch gerne hier in Rummelsberg, wo auch meine Kinder ihre Kindheit und Jugendzeit erlebten durften.  

"Luthersöhnchen"

Hallo erstmal, ich bin der Julian, hier in Rummelsberg auch gerne mal Jules genannt. Ich bin in diese Ausbildung gekommen, um Diakon zu werden und mich mit meinen Glauben auseinanderzusetzen. Ich bin 23 Jahre alt und gehe in das erste Jahr der Fachausbildung zum Erzieher, d.h. ich bin nun zwei Jahre in der Ausbildung. Ich möchte mich hier nun eher mit dem geistigen Leben in Rummelsberg befassen.

Kurzer Einblick/Küsterei

In Rummelsberg steht eine große Kirche, nicht nur eine große Kirche sondern auch eine sehr schöne Kirche, die von Rummelsberger Brüdern gebaut wurde. Das Altarbild sind die sieben Werke der Barmherzigkeit: Durstige Tränken,  Fremde Beherbergen, Kranke Besuchen, Hungrige Speisen, Nackte Bekleiden, Gefangene Besuchen  und Tote Bestatten. Das Tote Bestatten steht aus gutem Grund hinten, denn ich bin in meinem ersten Jahr in der Ausbildung zu einem Jahresküster geworden. Ein Küster ist einer, der dafür sorgt, dass ein Gottesdienst funktioniert. Dass die Kerzen brennen, die Lieder angesteckt sind, die Pfarrer verständlicher sind und vieles mehr. Die Küsterei ist ein sehr wichtiger Bestandteil in der Ausbildung, denn wenn wir vielleicht auf einer Kanzel stehen oder eine Andacht halten, vor einer Gemeinde, einer Einrichtung oder in einem anderen Bereich des vielschichtig und facettenreichen Diakonenberufes, dann ist es sinnvoll zu wissen wie das alles funktioniert. Ein Jahresküster hat die Aufgabe, Diakoninnen und Diakone in Ausbildung bei ihren Dienst zu unterstützen und anzuleiten, außerdem ist er für einen weiteren großen Bereich zuständig: Ich bin der Jahresküster für Kasualien (Taufen, Beerdigungen, Trauungen). Ich sorge dafür, dass genügend Diakonenschüler da sind um einem Gemeindemitglied oder einem verstorbenen Bruder oder einer Diakonin das letzte Geleit zu geben. Das klingt im ersten Moment eher erschreckend, aber es hilft einem sehr stark weiter in seiner Auseinandersetzung mit Gott und seinem eigenen Glauben.

Geistiges Leben in der Gemeinschaft

Ich bin nun ein Jungbruder und wohne im Brüderhaus. Das klingt sehr nach Kloster und Mönche. Aber das sind wir nicht. Wir das ist die Brüderschaft Rummelsberg und das ich mich schon nach zwei Jahren damit identifizieren kann, spricht für die Brüderschaft. Man fühlt sich sehr schnell als Teil dieses großen Netzwerkes aus vielen verschiedenen Personen, Erfahrungen und Ideen, die sich wie ich auf den Weg gemacht haben, Diakon zu werden. Um auf das Kloster zurückzukommen: Wir sind keine klösterliche Gemeinschaft, die nach ora et labora leben, wir, die wir im Brüderhaus leben, sind junge Menschen wie du und ich, wir haben ganz normale Hobbies, nur haben wir auch ein anderes Hobby, wir gestalten Andachten ein jeder für sich und andere. Dadurch kann man seinen Horizont erweitern, indem ich mich mit den Gedanken meiner Mitbrüder oder auch der Diakonenschülerinnen auseinandersetze, lerne ich sehr viel dazu. Ich kann denken „Hey dieser Aspekt ist mir vorher gar nicht aufgefallen.“ oder „ Also was der/die da vorne gerade labert passt mir so gar nicht ins Bild.“ Um das Bild noch ein bisschen mehr abzurunden, haben wir alle einen großen Vorteil. Wir können zu jedem in der Ausbildung gehen oder zu unserer Hausleitung, wenn uns etwas bedrückt, wenn wir Angst vor etwas haben, ein großes Unglück erlebt haben, oder auch kleine Unglücke passiert sind, können wir uns gegenseitig stützen und das ist meiner Meinung nach gelebte Nächstenliebe und einer der größten Boni die uns die Ausbildung gibt.

Geistiges Leben in der Ausbildung

Gemeinschaft und Ausbildung sind sehr eng miteinander verbunden, da man während der Ausbildung in einer Gemeinschaft wohnt, jedoch sind da einzelne Aspekte in der Ausbildung auch prägend für das geistige Leben. Im Grundseminar lernt man die fundamentalen Kenntnisse von Andachten kennen, wie gestalte ich sie, wie finde ich ein Thema, was soll das heißen und welches Lied nehm ich denn. All das und noch viel mehr erwartet dich in der Ausbildung zum/zur Diakon/Diakonin. Du bekommst auch oft die Möglichkeit, dich mit dir selbst und deinem Glauben auseinanderzusetzen. Du kannst die gar nicht vorstellen wie viel es dir bringt zu wissen, dass Gott für dich da ist, wo er dir schon begegnet ist. Auf eine Besonderheit möcht ich dich aber noch hinweisen: In der Rummelsberger Kirche läutet die Ausbildungsgemeinschaft die Glocken noch von Hand. Natürlich läuten wir nicht jede viertel Stunde, wir läuten zu drei Zeitpunkten. Einer dieser Zeitpunkte ist das 12-Uhr-Läuten. Hier hast du Zeit für fünf Minuten inne zu halten und runterzukommen, du kannst ganz bei dir und Gott sein. Zumeist wird nach den fünf Minuten ein geistiger Impuls vorgelesen, der sich mit dem Thema Frieden befasst.

Ich und mein Glaube

Zu Beginn habe ich gedacht, naja nach sechs Jahren Jugendarbeit und einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten in der evangelischen Jugend, kann mir keiner groß was Neues erzählen. Ich war in gewisser Weise davon überzeugt, dass mein Gottesbild so gefestigt ist, dass es nicht erweitert werden kann. Da habe ich mich grundlegend getäuscht. Schon die ersten fünf Wochen haben mir neue Perspektiven aufgezeigt, es haben sich quasi ganz neue Ansichten geöffnet, vor allem der Austausch mit den anderen Studierenden hat mir gezeigt, was sie glauben und wie sie Gott sehen. Bei der Konfirmation gibt es eine Passage die besagt: „Willst ... du im Glauben an ihn [Jesus Christus] wachsen...“, Dies kannst du in der Diakonenausbildung auf jeden Fall machen. Also wenn du in einer ähnlichen Situation bist wie ich oder dir denkst: „Mit Gott will ich mich mehr befassen. Ich will mich mit anderen austauschen über meinen und deren Glauben.“ Dann bist du hier richtig.

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